Viele pro-israelische Menschen kennen diese irritierende Erfahrung: Eine Demonstration gegen Israel, eine Kampagne der BDS-Bewegung oder ein internationaler Bericht über den Nahostkonflikt zitiert plötzlich eine israelische Zeitung als Beleg gegen den eigenen Staat. Besonders häufig fällt dabei ein Name: “Haaretz“
Die Frage, die sich viele stellen, lautet: Warum liefert ausgerechnet eine israelische Zeitung Material, das von Kräften genutzt wird, die Israel politisch delegitimieren wollen? Die Antwort ist komplex – aber sie zeigt viel über den modernen Informationskrieg gegen Israel.
Haaretz: Eine israelische Zeitung mit einer besonderen Rolle
Haaretz ist keine ausländische Beobachterzeitung, sondern eine traditionsreiche israelische Tageszeitung. Seit ihrer Gründung 1918 begleitet sie die Geschichte des jüdischen Staates. Doch Haaretz nimmt innerhalb der israelischen Medienlandschaft eine besondere Position ein. Die Zeitung steht traditionell für eine links-liberale, säkulare und stark regierungskritische Perspektive. Während andere israelische Medien stärker sicherheits- oder gesellschaftspolitische Aspekte betonen, legt Haaretz häufig den Schwerpunkt auf Kritik an Regierungspolitik, Militärentscheidungen und gesellschaftlichen Entwicklungen.
Diese kritische Haltung ist Teil einer lebendigen Demokratie. Israel unterscheidet sich gerade dadurch von vielen Staaten der Region: Journalisten können Regierung, Armee und politische Entscheidungsträger offen kritisieren. Doch im internationalen Kontext entsteht daraus ein Spannungsfeld.
Die Macht des Satzes: „Selbst Israelis sagen es“
Im Kampf um öffentliche Meinung spielen Quellen eine entscheidende Rolle. Gegner Israels wissen genau, dass eine Aussage eines israelischen Journalisten oft eine größere Wirkung entfaltet als dieselbe Aussage aus einer ausländischen oder offen anti-israelischen Quelle.
Das Argument lautet: „Das sagen nicht wir – das sagen Israelis selbst.“
Genau deshalb wird Haaretz von pro-palästinensischen Aktivisten, BDS-Unterstützern und Teilen der internationalen Israel-Kritik besonders häufig herangezogen. Eine kritische Analyse der israelischen Regierung wird dabei nicht selten aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst. Aus einer innerisraelischen Debatte über konkrete politische Entscheidungen wird in internationalen Kampagnen schnell ein vermeintlicher Beweis für ein grundsätzlich negatives Bild Israels.
Informationskrieg: Nicht jede Quelle wird zufällig ausgewählt
Der Konflikt um Israel wird längst nicht nur militärisch geführt. Er findet auch in Medien, sozialen Netzwerken, Universitäten und internationalen Organisationen statt. Bilder, Schlagzeilen und Zitate sind zu politischen Waffen geworden. In diesem Informationskrieg ist die Auswahl von Quellen strategisch wichtig. Eine israelische Zeitung mit internationalem Renommee besitzt eine andere Wirkung als ein offen feindseliger Akteur.
Deshalb werden einzelne Aussagen von Haaretz häufig besonders hervorgehoben, während andere Perspektiven der israelischen Gesellschaft weniger Beachtung finden. Die Frage lautet daher nicht nur: „Was berichtet eine Zeitung?“, sondern auch: „Wer nutzt welchen Bericht – und zu welchem Zweck?“
Selbstkritik als Stärke oder als strategisches Risiko?
Die Verteidiger von Haaretz sehen die Zeitung als Ausdruck israelischer Stärke – Eine Demokratie müsse Kritik aushalten. Gerade weil Israel ein demokratischer Staat sei, müssten Journalisten frei über Fehler, politische Streitfragen und schwierige Entscheidungen berichten können.
Diese Argumentation verdient Respekt.
Doch viele pro-israelische Stimmen stellen eine andere Frage: Gibt es in einem existenziellen Konflikt auch eine Verantwortung für die möglichen Folgen öffentlicher Darstellung?
Israel steht nicht nur im Mittelpunkt normaler politischer Debatten. Seit seiner Gründung wird seine Legitimität von verschiedenen Akteuren infrage gestellt. Organisationen wie die BDS-Bewegung verfolgen nicht nur Kritik an einzelnen politischen Entscheidungen, sondern zielen vielfach auf internationale Isolation Israels. In diesem Umfeld können kritische Berichte über Israel – unabhängig von der ursprünglichen Absicht der Autoren – Teil einer politischen Kampagne werden.
Die Verantwortung der Leser: Kontext statt Schlagzeile
Das Problem ist nicht, dass israelische Medien kritisch berichten. Das Problem entsteht, wenn einzelne Artikel als politische Munition verwendet werden. Ein Bericht über einen Streit innerhalb Israels bedeutet nicht automatisch eine Bestätigung der grundlegenden Narrative von Israel-Gegnern.
Israel ist eine Gesellschaft mit unterschiedlichen Meinungen. Eine lebendige Demokratie produziert Widerspruch. Genau dieser Widerspruch unterscheidet Israel von autoritären Regimen, die Kritik unterdrücken.
Aber im internationalen Diskurs muss man aufmerksam bleiben:
- Wer zitiert eine Quelle?
- Warum wird gerade diese Passage ausgewählt?
- Welche Informationen fehlen?
- Wird eine innerisraelische Debatte korrekt dargestellt – oder für eine Delegitimierung Israels instrumentalisiert?
Haaretz ist Teil der israelischen Demokratie – aber auch Teil eines globalen Deutungskampfes.
Haaretz ist keine anti-israelische Zeitung im Sinne einer ausländischen Propagandastimme. Sie ist eine israelische Zeitung mit einer klaren politischen und journalistischen Tradition. Aber ihre Veröffentlichungen haben internationale Wirkung – und diese Wirkung wird von Israel-Gegnern regelmäßig genutzt.
Für pro-israelische Menschen bedeutet das: Haaretz-Artikel sollten weder pauschal abgelehnt noch unkritisch übernommen werden. Sie müssen gelesen, eingeordnet und in den größeren Kontext des Informationskrieges um Israel gestellt werden.
Denn im 21. Jahrhundert werden Konflikte nicht nur mit Waffen entschieden.
Sie werden auch durch Geschichten, Videos, Bilder und Schlagzeilen entschieden.